Question: Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

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Bei einer Neurose ist keine organische Ursache erkennbar. Abzugrenzen von einer Neurose ist die Psychose. Der Unterschied ist folgender: Dem Neurotiker ist seine Störung bewusst. Der Psychotiker hingegen nimmt die Realität gestört wahr – und ist sich dessen nicht bewusst.

Psychiatrisches Wissen und Handeln weist innerhalb der Medizin die wohl komplexeste Vernetzung mit der Ideen- und Sozialgeschichte auf.

Daher birgt eine knappe Darstellung der Psychiatriegeschichte stets das Risiko unzulässiger Verkürzung: Die folgende Übersicht kann somit nur einer ersten Orientierung dienen und ein vertieftes Literaturstudium nicht ersetzen. Zwar orientiert sich der Aufbau des Beitrags v. Jahrhundert diese zeitliche Strukturierung zugunsten einer mehr thematischen Schwerpunktsetzung aufgelockert. Aus Platzgründen wurde auf den ideengeschichtlichen Kontext und den Nachweis seiner Relevanz für das heutige klinische Denken und Handeln in Psychiatrie und grösserer Wert gelegt als auf die Nennung möglichst vieler Personen oder Veröffentlichungen.

Der wesentliche Schritt, den die griechische Medizin gegenüber ihren Vorläufern machte, ist die Überzeugung, dass Krankheiten als natürliche Phänomene und nicht als Ausdruck unbekannter und unbeeinflussbarer metaphysischer Kräfte anzusehen sind.

Natürlich gilt dies nicht für jeden Vertreter der antiken griechischen Medizin, wohl aber für den bedeutendsten, Hippokrates von Kos 460—377 v. Er forderte deren empirisch fundierte, sachliche und von Spekulationen soweit wie möglich befreite Erforschung. Eigentliche psychiatrische Lehrtexte wurden in der Antike nicht verfasst.

Neben Hippokrates sind Galen 130—201 n. Das grundlegende Verständnis dieser Störungen war zumeist ein Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?, wenn auch das Gehirn noch nicht im Zentrum des Interesses stand.

Die von Emil Kraepelin Ende des 19. Jahrhunderts herausgearbeitete Dichotomie der beiden großen Formenkreise der Dementia praecox und der manisch-depressiven Erkrankung bipolare Störung war in der Antike kein Bestandteil ärztlichen Denkens. Jahrhundert hinein meinte Manie vielmehr eine Form der Psychose, bei der das Verhalten der betroffenen Person von Erregung und Unruhe geprägt war, wohingegen der Melancholiker seine oft durchaus vorhandenen psychotischen Inhalte kaum preisgab und äußerlich ruhig, gehemmt oder sogar stuporös wirkte.

Aber auch Verhaltensregeln für den Umgang mit erkrankten Personen, die man im weitesten Sinn als psychotherapeutisch bezeichnen könnte, etwa ruhige Atmosphäre im Kontakt und Herausnehmen aus aktuellen Konfliktherden, wurden erörtert. Von sehr frühen Gründungen von Institutionen zur Behandlung wird aus dem arabischen Kulturraum berichtet, in Westeuropa finden sich Vorläufer psychiatrischer Kliniken bzw. Frauen, wurden als Besessene, als Hexen bezeichnet, sozial ausgegrenzt und in vielen Fällen unter Berufung auf das 1486 erschienene berüchtigte Werk Der Hexenhammer von Heinrich Krämer und Jakob Sprenger hingerichtet, meist durch Verbrennung.

Es gab Gegenstimmen, etwa wenn Paracelsus 1491—1541 — eigentlich Philippus Aureolus Theophrastus Bombastus von Hohenheim — und Johann Weyer 1515—1588so sehr sie auch in vielerlei Hinsicht noch mittelalterlichem Denken verpflichtet gewesen sein mochten, die übernatürliche Genese psychischer Erkrankungen anzweifelten und, an antike Traditionen Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?, den Blick auf empirisch erkennbare körperliche oder psychische Ursachen lenkten.

Von den Erneuerungsvorschlägen der Renaissanceautoren wurden in der Folgezeit nur wenige aufgegriffen.

Zwar ging die Bereitschaft, psychisch Kranke als Besessene und Hexen zu bezeichnen und zu verfolgen, langsam zurück und es erschien eine Reihe von kasuistisch und klinisch interessanten Büchern über psychiatrische Fragen, etwa Felix Platers 1536—1614 Medizinische Praxis und Robert Burtons Anatomy of Melancholy 1621.

So waren die großen psychiatrischen Kliniken von Paris, Bicêtre und Salpêtrière, zunächst eine Mischung aus Armenhaus, Gefängnis, Obdachlosenasyl, Waisenhaus und psychiatrischer Klinik, letzteres aber am wenigsten, und die Hinzuziehung von Ärzten war keineswegs die Regel.

Dieser Sachverhalt nimmt in Michel Foucaults primär philosophischer und gesellschaftskritischer, sekundär aber auch psychiatriekritischer Perspektive einen zentralen, da — im negativen Sinne — identitätsstiftenden Platz ein Foucault. Jahrhundert, ideengeschichtlich geprägt von der Aufklärung, kam es zu ernsthaften Bemühungen, die Psychiatrie als medizinische Wissenschaft zu etablieren, die psychiatrischen Patienten als Personen ernst zu nehmen und sowohl aus dem Dunstkreis von Hexenglaube und Spiritismus als auch aus ihrer Verbannung an den äußersten Rand der Gesellschaft herauszulösen Leibbrand und Wettley.

In erster Näherung kann der Rationalismus als die tragende Denkweise der Aufklärung angesehen werden. Jahrhunderts nur vorläufig, nicht aber grundsätzlich unlösbare Probleme. Die Vernunft, die Ratio, werde, so die feste Überzeugung dieser Autoren, den gesamten Bereich menschlichen Erkennens und Handelns früher oder später durchdringen. Der Rationalismus schuf geradezu das gedankliche Konstrukt, welches seither Wissenschaft genannt wird und das sich dezidiert an der Mathematik und der empirischen Naturforschung orientiert.

Sie wollte sich klar von der sensualistischen Assoziationslehre abgrenzen, wie sie etwa von den Philosophen Hume und Condillac vertreten worden ist. Jahrhunderts eine neuerliche Blüte, die auch, allerdings in recht unterschiedlichem Kontext, Einfluss auf die Psychiatrie nahm — Vertreter waren etwa Ziehen, Ebbinghaus, Wernicke, Freud.

In der Philosophie hat Immanuel Kant am einflussreichsten diesen Ansatz vertreten. Das Mitleid mit den Kranken, nicht ihre, im wahrsten Sinne, Verteufelung, die Diagnostik und Behandlung der Betroffenen, nicht deren bloße Ausgrenzung, wurden zunehmend zu Schwerpunkten psychiatrischen Selbstverständnisses.

In ganz Europa wurden neue psychiatrische Kliniken errichtet, und in diesen Kliniken setzte sich eine Haltung durch, die schließlich gegen Ende des 18. Zum einen wurde von nun an der Psychiater systematisch in die Beurteilung rechtlicher Fragen, insbesondere der Zurechnungsfähigkeit bzw. Schuldfähigkeit im Strafrecht und der Urteils- und Geschäftsfähigkeit im Zivilrecht, einbezogen.

Dieses zunächst praktische, also in foro stattfindende Engagement der Psychiater, generierte im Laufe der Zeit zahlreiche wissenschaftliche Fragestellungen und führte zur Etablierung eines eigenen, der klinischen Psychiatrie freilich nahe verwandten Gebietes, der. Zum anderen betonte die Aufklärung erstmals den Gesichtspunkt der Vorbeugung.

Zahlreiche zeitgenössische Arbeiten beschäftigten sich auch mit Fragen des Verlaufs psychischer Erkrankungen sowie ihres Zusammenhangs mit Alkoholmissbrauch und mit ihren psychosozialen Entstehungs- und Umgebungsbedingungen. Die nachhaltigste Herausforderung für diese Konzeption des gesunden und kranken Menschen als physikalische und chemische Maschine ging von dem Hallenser Arzt und Chemiker Georg Ernst Stahl 1660—1734 aus.

Ursprünglich, nämlich am Ende des 18. Allerdings darf nicht verkannt werden, dass mit der Abschaffung eines Begriffs das von ihm adressierte Problem, so unscharf er es auch erfasst haben mag, nicht zugleich eliminiert ist.

Damit gelangte ein — auch schon von früheren, vorwiegend französischen Autoren verfochtenes — pragmatisch-eklektisches, an humanen Grundwerten orientiertes Psychiatrieverständnis zum Durchbruch.

Skeptisch Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? offen ablehnend äußerte sich Pinel über alle spekulativen Hypothesen über die Genese und v. Zwar übernahm auch er bei seiner nosologischen Einteilung in Manie, Melancholie, und Idiotie viele, teilweise wenig begründete Annahmen früherer Autoren, etwa die Zuordnung der Manie zum Abdomen, genauer zu gestörten Funktionen in den viszeralen Ganglien, doch wird als Grundtenor stets die Forderung nach sachlicher Beschreibung klinischer Sachverhalte in ihrem individuellen biografischen und sozialen Kontext beibehalten.

Unausgeglichene Affekte, falsche Erziehungs- und Bildungsmethoden, biografische Krisenzeiten wie oder das Ausscheiden aus dem Berufsleben können für Pinel ebenso in eine psychotische Erkrankung münden wie rein somatische Einflüsse.

Insofern findet sich bei Pinel wie bei Reil ein breites, personenzentriertes und verhältnismäßig undogmatisches Verständnis psychischer Störung — einige Jahrzehnte bevor es im Gefolge des Siegeszuges naturwissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse in der Medizin allgemein und in der Psychiatrie im Besonderen zu der bis heute anhaltenden Polarisierung zwischen naturalistischen und personenzentrierten Ansätzen kam.

Konsequent lehnte Pinel mechanische oder sonstige Zwangsmittel bei der Therapie psychotischer Patienten ab und polemisierte gegen die bereits erwähnten barbarischen Gerätschaften, deren zugrunde liegende theoretische Konzepte er als schlimmere Verirrungen bezeichnete als die Wahngebilde seiner Patienten.

Empathie

Weiner hat über diese Vorgänge und die wesentliche Beteiligung von Pinels Mitarbeiter Pussin berichtet. Bemühungen zur Abschaffung von Zwangsmaßnahmen gab es in der Psychiatrie des frühen 19.

Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

In der Synopsis waren Pinel und sein einflussreichster Schüler Jean-Etienne Dominique Esquirol 1772—1861 klinische Pragmatiker, die auf dem Boden eines aufgeklärten Humanismus vieles in der zeitgenössischen Psychiatrie in Bewegung setzten, einen eklektischen Standpunkt vertraten und theoretischen Ansätzen gegenüber Zurückhaltung übten, insbesondere wenn diese mit dogmatischem Anspruch auftraten.

Er bezeichnete damit Personen, die die üblicherweise respektierten und im sozialen Kontakt angewandten Wertmassstäbe missachteten, in rücksichtslos-egoistischer Weise ihre Interessen durchsetzten und zugleich die Kritikwürdigkeit eines solchen Verhaltens, zumindest für ihre eigene Person, nicht anerkannten.

Eine eigenartige Zwischenstellung zwischen dem aufklärerischen Rationalismus des 18. Jahrhunderts und der subjekt- und v. Jahrhundert nimmt, was den medizinischen und besonders den psychiatrischen Bereich anbetrifft, Franz Anton Mesmer 1734—1815 ein. Die feinste dieser Flutreihen sei nicht mehr teilbar.

Diese begriffliche Unschärfe rief zu Recht Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? Kritiker auf den Plan und begründete die sehr komplexe Rezeptionsgeschichte des Mesmerismus.

Konsequent — manche Kritiker nannten es übernachhaltig oder gar fanatisch — verfocht er diese These und baute sie, hierin eindeutig über das Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? hinausschießend, zu einer Theorie der Gesellschaft schlechthin aus. Zwar war eine solche Anwendung grundsätzlicher philosophischer Überlegung auf konkrete Gemeinwesen und auf die Politik allgemein zur damaligen Zeit nicht unüblich. Man denke an die politischen Entwürfe Kants, Fichtes und Hegels.

Mesmers Konzeption jedoch stand nach der Einschätzung der meisten Zeitgenossen in medizinischer wie in philosophisch-politischer Hinsicht auf so tönernen Füßen, dass sie, abgesehen von einigen hartnäckigen und Mesmer treu ergebenen Verfechtern, von den medizinischen Wissenschaften abgelehnt und von den, in heutiger Terminologie, Gesellschaftswissenschaften nicht rezipiert wurde. Bemerkenswert ist, dass Mesmer mit seiner bedenklichen Überdehnung der Aussagekraft medizinischer Theorien auch in der Psychiatrie keineswegs alleine steht: Gleichartige Tendenzen, also die Erweiterung psychiatrischer Begriffe zu Grundlagen für ganze Weltanschauungen — finden sich bei so entscheidenden Autoren wie J.

Sie wird noch zur Sprache kommen. Der psychiatriehistorischen Forschung stellt sich der Mesmerismus als ein sich selbst der Aufklärung zuordnendes, jedoch weit eher der naturphilosophischen Spekulation zuneigendes System dar, das aber sehr wohl als Vorläufer moderner auto- und heterosuggestiver Therapiemethoden etwabetrachtet werden kann.

Durch sein starres Festhalten am Buchstaben seines ursprünglichen Konzepts hat Mesmer selbst die sachliche Erforschung der von ihm beschriebenen Phänomene, letztlich also der Suggestion, nachhaltig Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? Darnton ; Hoff. Auch hier ist, wie bei allen wissenschaftlichen und wissenschaftshistorischen Schlagworten, Vorsicht am Platze: Natürlich gab es nicht die romantische Psychiatrie, vertraten nicht alle hierher zu rechnenden Psychiater die gleiche Auffassung, weder theoretisch noch klinisch, natürlich erschöpfte sich die theoretische Debatte in der Psychiatrie des beginnenden 19.

Dennoch ist der Begriff der romantischen Psychiatrie grundsätzlich berechtigt und als heuristische Leitlinie für die psychiatriehistorische Forschung sinnvoll Benzenhöfer ; Leibbrand ; Marx. Das romantische Lebensgefühl äußerte sich auf breiter gesellschaftlicher, v.

Zentrales Anliegen der psychiatrischen Autoren dieser Zeit war es, die individuelle, auf den einzelnen Lebenslauf gerichtete Perspektive in die Lehre von Verursachung, klinischem Erscheinungsbild, Verlauf und Behandelbarkeit von einzubringen.

Wesentliche psychiatrische Autoren dieser Epoche, und beide, wenn man sie denn etikettieren will, Psychiker, waren J. In ihren Schriften finden sich zum einen ausgezeichnete psychopathologische Beschreibungen, getragen von einem genuinen, den Texten auch nach fast 200 Jahren noch anzumerkenden Interesse für das in psychischer Not befindliche Individuum.

Zum anderen wurden psychopathologische Befunde aber oft mit einem spekulativen naturphilosophischen oder moralisch-religiösen Hintergrund verknüpft. Die Idee der persönlichen Verantwortung für das eigene Leben, und damit bis zu einem gewissen Grad auch für die eigenen Krankheiten, spielte eine zentrale Rolle im Denken der romantischen Psychiater.

Bei Heinroth hatte dies eine radikal anmutende Konsequenz in forensischer Hinsicht: Wer, so Heinroth, im Zustand schwerer Störung eine Straftat begehe, habe zwar aktuell nicht gewusst, was er tue, sei aber dennoch für die Tat verantwortlich, da ja das Hineingeraten in die Psychose mindestens partiell zurückzuführen sei auf vorwerfbares Fehlverhalten.

Bei aller — oft wesentlich sprachlich begründeten — Befremdlichkeit mancher Überzeugungen der romantischen Psychiater haben Forschungsarbeiten aus jüngerer Zeit doch Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? belegt, dass die früher — v. Jahrhunderts —, aber auch heute noch anzutreffende pauschale Disqualifizierung dieser psychiatrischen Epoche unbegründet ist, ganz abgesehen von ihrer, allerdings nicht unbestrittenen Vorreiterfunktion für spätere psychodynamische und im Besonderen psychoanalytische Ansätze s.

Dieser komplexe Vorgang ist nicht zu verwechseln mit der bereits erörterten Kontroverse zwischen den romantischen Schulen der Psychiker und Somatiker. Eine herausragende Erscheinung der damaligen Psychiatrie, Wilhelm Griesinger 1817—1868, Abb.

Sein Hauptziel war die Etablierung der Psychiatrie als eigenständige, empirisch arbeitende Wissenschaft, die ärztlichem Ethos verpflichtet ist, also psychisch Kranke als Personen ernst nimmt. Seine Psychiatrie war, plakativ gesagt, von ihrem Selbstverständnis her sowohl ein vorwiegend biologisches Forschungsprogramm als auch eine angewandte ärztliche Anthropologie.

Es ist zwar nicht völlig falsch, lädt aber zu Missverständnissen ein, wenn man Griesinger unbesehen einen Materialisten nennt. Der entscheidende Zusatz muss lauten, dass sein Materialismus ein methodischer und kein metaphysischer war. Dies verband ihn mit dem damals einflussreichen Philosophen F. Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

Gedanke dieses methodischen Materialismus war die — im Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? zu den Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? Materialisten des ausgehenden 19. Nicht nur dieses hier grob umrissene Forschungsprogramm, sondern ein psychopathologisches Konzept, nämlich die gemeinsam mit seinem Lehrer Albert Zeller, Leiter der damaligen Anstalt Winnenthal, entwickelte Idee der Einheitspsychose, verknüpfte Griesingers Namen vom Erscheinen seines Hauptwerks Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten an 1845, 2.

Noch vor Kahlbaum und Kraepelin war hier der Verlaufsaspekt als ein Moment gewürdigt worden, das jede bloß symptomatologisch orientierte Nosologie differenzierte und ordnete. Er grenzte sich klar von einer von Roller, dem Leiter der Badischen Anstalt Illenau, vertretenen Auffassung ab: Roller postulierte, psychisch Kranke seien möglichst abgeschieden in ruhigen ländlichen Gebieten und in eigens für diesen Zweck geschaffenen Einrichtungen zu behandeln, also strikt getrennt von allen sonstigen Patienten.

Griesinger hingegen forderte die Integration der psychiatrischen in die medizinische Versorgung. Stadtasyle Griesingers Ausdruck für die akut Erkrankten, die einer eher kurzen stationären Behandlung bedürfen.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Zeit der Gründung zahlreicher großer und, Griesingers Intention ganz entgegengesetzt, meist außerhalb der großen Siedlungsräume situierter psychiatrischer Kliniken Jetter. Unabhängig davon etablierten sich in diesem Zeitraum an den meisten medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Psychiatrie bzw. Im selben Zeitraum entwickelten sich die Naturwissenschaften, auch die Biologie, rasch weiter.

Für die Psychiatrie besonders wichtig wurden die Fortschritte der Neuroanatomie, namentlich die Lehre von der zerebralen Lokalisation bestimmter Leistungen wie Motorik und Sensibilität, aber auch Sprache und Gedächtnis. Jedoch wurde dieser Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? von der Neigung mancher Autoren begleitet, das gerade erfolgreich etablierte neurobiologische Paradigma zu überdehnen und einem kaum reflektierten Materialismus das Wort zu reden. Zeitgenössische und spätere Kritiker haben die Universitäts- Psychiatrie des ausgehenden 19.

Wenn man einmal von der heute befremdlich anmutenden damaligen Begrifflichkeit absieht, so bleibt doch die Parallele zwischen den seinerzeit und heute, im 21. Sie prägte vielmehr über die Literatur, die Naturwissenschaften und nicht zuletzt die Politik das geistige Profil des späten 19. Jahrhunderts entscheidend mit Chamberlin und Gilman ; Pick ; Wettley.

Der für die Psychiatrie besonders relevante Teil dieser Lehre nahm entscheidende Impulse aus der französischen Psychopathologie auf, v. Die psychiatrischen Degenerationstheoretiker — im deutschen Sprachraum etwa H. Die Grundgedanken der Degenerationslehre finden sich in fast allen psychiatrischen oder nervenheilkundlichen Lehrtexten der Jahrhundertwende in mehr oder weniger klar erkennbarer Form wieder. Als Beispiel sei hier Emil Kraepelin erwähnt, ein besonders einflussreicher psychiatrischer Autor, auf den in anderem Zusammenhang noch zurückzukommen sein wird.

Das Beispiel soll die starke Verbreitung der Degenerationslehre ebenso belegen wie die — für heutige Leser irritierende — Selbstverständlichkeit, mit der die entsprechende Terminologie als wissenschaftlich akzeptabel, ja geboten anerkannt wurde. Hervorzuheben ist die Notwendigkeit, mit dieser psychiatriehistorisch wichtigen und emotionsgeladenen Materie sorgfältig Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?.

Ein einfaches Ursache-Wirkungs-Verhältnis liegt hier zwar mit Sicherheit nicht vor, doch hat es die wissenschaftlich auf tönernen Füßen stehende degenerationstheoretische Lehrmeinung den noch weitaus spekulativeren, ja absurden Rassetheorien der Nationalsozialisten besonders leicht gemacht, ihre ideologischen Verzerrungen wissenschaftlich zu verbrämen.

Besonders deutlich wird dies bei seiner Schilderung von — wie wir heute sagen würden — persönlichkeitsgestörten, aber auch dysthymen oder sexuell devianten Personen. Dennoch wäre der Schluss verfehlt, in der deutschsprachigen Psychiatrie um 1900 habe eine vollkommen unkritische Einstellung zur Degenerationstheorie vorgeherrscht. Bei Kraepelin etwa kontrastiert die umfassende Anwendung der Degenerationstheorie auf eigenartige Weise mit seiner mehrfach geübten Kritik an der begrifflichen Unschärfe des Konzepts.

Die Bedeutung des Krankhaften können wir aber den persönlichen Abweichungen von der vorgezeichneten Entwicklungsrichtung erst dann zuschreiben, wenn sie eine erhebliche Bedeutung für Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

körperliche oder psychische Leben gewinnen; die Abgrenzung ist also eine rein gradweise und deswegen in gewissem Spielraume willkürliche KraepelinS. Auf ein weiteres Beispiel für die durchaus vorhandene Bereitschaft zur kritischen Prüfung der Degenerationslehre hat Heimann hingewiesen: Als der spätere Tübinger Ordinarius für Psychiatrie und überzeugte Nationalsozialist H.

Hoffmann im Juli 1920 anlässlich einer Sitzung der von Emil Kraepelin geleiteten und gegründeten Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie über seine rassenhygienischen und erbbiologischen Thesen sprach, äußerte Kraepelin bei aller Zustimmung zur genetischen Forschung in der Psychiatrie im Allgemeinen doch erhebliche Bedenken gegen unkritische Rückschlüsse von Symptomen auf zugrunde liegende Krankheitsprozesse im Besonderen. Für den hier beispielhaft herausgegriffenen Autor Kraepelin gilt also, dass die Degenerationstheorie zu einem umfassenden, aber nicht dogmatisch angewandten Raster wurde, zum konzeptuellen Hintergrund für das Verständnis zahlreicher Hoff.

Am wenigsten wirkte sich dies hinsichtlich der Dementia praecox aus, am deutlichsten bei der manisch-depressiven Erkrankung, der Paranoia und den. Parallel zur Entwicklung des Degenerationsgedankens und streckenweise deutlich beeinflusst von ihm, trat in Fortsetzung der Studien von Wilhelm Griesinger und Karl Ludwig Kahlbaum 1828—1899, Abb. Vor allem Kahlbaum und Kraepelin empfanden frühere Systematiken besonders deswegen als unbefriedigend, weil dem fluktuierenden klinischen Zustandsbild im Vergleich zum Langstreckenverlauf ein zu großes Gewicht beigemessen worden sei.

Dabei schwingt insbesondere bei Kraepelin eine deutliche Skepsis gegenüber vertieften wissenschaftstheoretischen Erwägungen in der Psychiatrie mit. Kahlbaum hingegen entwarf ein auch theoretisch komplexes, später aber in Vergessenheit geratenes nosologisches System, das hier nicht näher betrachtet werden kann.

In klinischer Hinsicht ist Kahlbaums Name v. Ähnlich Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? Kahlbaum äußerte sich Kraepelin immer wieder kritisch, ja abfällig über den rein symptomatologischen Zugang zur psychiatrischen Diagnostik, der bei vielen Autoren des 19. Entscheidend für den bis heute anhaltenden großen Einfluss seines Werkes dürfte gewesen sein, dass Kraepelin der unter der terminologischen Unübersichtlichkeit des 19.

Die zentrale Hypothese dieses Ansatzes besagt, dass es in der Psychiatrie, wie in anderen medizinischen Fächern auch, von der Natur vorgegebene — in heutiger Terminologie: biologische — Krankheitseinheiten gibt, die in genau dieser Weise existieren, ganz unabhängig davon, welche Person an ihnen erkrankt und ob sich die Forschung mit ihnen beschäftigt oder nicht.

Natürlich war Kraepelin bewusst, und er hat dies auch geäußert, welch hohen Anspruch an die psychiatrische Forschung er damit artikulierte. Weit weniger klar hingegen brachte er die von ihm explizit oder häufiger implizit eingeführten wissenschaftstheoretischen Konzepte zur Sprache, nämlich Realismus hier im wissenschaftstheoretischen Sinne gemeint, im Gegensatz also zu IdealismusParallelismus, Naturalismus und die methodische Ausrichtung der Psychiatrie an der experimentellen Psychologie Wundtscher Prägung.

Durchaus kritisch diskutierte er aber die Tatsache, dass sich in der klinischen Realität die Grenzen zwischen den einzelnen psychischen Erkrankungen oft kaum ziehen lassen, obwohl sein Modell genau dies fordern müsste. Diesem von ihm selbst, aber auch von zahlreichen anderen Autoren geäußerten Einwand versuchte er in den späten programmatischen Arbeiten aus den Jahren 1918—1920 Rechnung zu tragen.

Hier finden sich Formulierungen, die ein graduelles Aufweichen der früher kompromisslosen Konzeption natürlicher und prinzipiell erkennbarer Krankheitseinheiten anzeigen und die v. Ein nicht grundsätzlicher, aber doch deutlicher Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

zu Kraepelins Psychiatrieverständnis stammt von Alfred Erich Hoche 1865—1943eine psychiatriehistorisch in mehrfacher Hinsicht wichtige Figur.

Hoche schlug vor, die Frage der natürlichen Krankheitsentitäten als — vorläufig oder grundsätzlich — unbeantwortbar zurückzustellen und sich der Erarbeitung empirisch abgesicherter, den Belangen von Praxis und Forschung vollauf genügender Symptomenkomplexe zu Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?.

Einige weitere wichtige konzeptuelle Beiträge, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen, seien erwähnt: Robert Gaupp 1870—1953bis 1906 Kraepelins Oberarzt in München und Ernst Kretschmer 1888—1964beide in Tübingen, entwarfen einen psychopathologisch fundierten Ansatz, mit dem sie sich in mancherlei Hinsicht, wenn auch nicht grundsätzlich, von Kraepelins Denken entfernten.

Gaupp hielt bis zu Wagners Tod im Jahre 1938 mit ihm Kontakt und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zu diesem Fall Gaupp. Neuzner und Brandstätter haben die Krankengeschichte Wagners unter besonderer Berücksichtigung seiner langjährigen Beziehung zu Gaupp und der von ihm verfassten Theaterstücke und sonstigen literarischen Texte umfassend aufgearbeitet. Ergänzt und wesentlich erweitert wurde diese Forschungsrichtung durch Gaupps Schüler Ernst Kretschmer.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang v. Er vertrat einen konstitutionsbiologischen Ansatz, versuchte also, bestimmte körperliche Merkmale, v. Der bedeutende Kliniker und Forscher Carl Wernicke 1848—1905 entwarf eine psychiatrische Systematik, die in den endogenen Psychosen in mancherlei Hinsicht Analoga der neurologischen Systemerkrankungen sah.

Er beschäftigte sich intensiv mit der psychotisch gestörten Ausdrucksmotorik, insbesondere mit den katatonen Symptomen. Die von ihm begründete Schule wurde von Karl Kleist 1879—1960 und Karl Leonhard 1904—1988 fortgeführt. Diese Autoren definierten — weit über die als zu grob empfundene Einteilung Kraepelins hinaus, v.

Am prägnantesten hat diesen Gedanken Karl Leonhard in seiner Einteilung der endogenen Psychosen herausgearbeitet.

Dieser Ansatz stellt den Gegenpol zum einheitspsychotischen Konzept Griesingers und Rennerts dar. Damit werde jeder unmittelbare Schluss vom Symptom auf die Ursache hinfällig Bonhoeffer. Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler 1857—1939, Abb. Später allerdings, nachdem sich zunehmende inhaltliche Diskrepanzen zwischen Bleulers und Freuds Grundüberzeugungen gezeigt hatten, entfernte er sich wieder von dieser Position, wenn auch keineswegs vollständig Bleuler ; Küchenhoff. Für die systematische Erfassung psychopathologischer Phänomene bedeutsam wurden dabei Bleulers Unterscheidungen zwischen Grundsymptomen und akzessorischen Symptomen sowie zwischen primären und sekundären Symptomen: Grundsymptome seien bei jeder schizophrenen Erkrankung vorhanden, akzessorische hingegen könnten, müssten aber nicht hinzutreten.

Ganz anders, nämlich ätiologisch, ist Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? zweite Unterscheidung gedacht: Primäre Symptome resultierten nach Bleuler unmittelbar aus dem auch von ihm vermuteten neurobiologischen Krankheitsprozess, während die sekundären Symptome bereits psychische Reaktionen des Betroffenen auf die Krankheit darstellten.

Christian Scharfetter hat Bleulers Werk aus psychopathologischer und wissenschaftstheoretischer Perspektive einer umfassenden und kritischen Würdigung unterzogen.

Das Forschungsinteresse Sigmund Freuds 1856—1939, Abb. Nach einer Phase der Zusammenarbeit mit Brücke und Meynert in Wien beeindruckte ihn die in Paris bei J. Charcot 1825—1893 erlebte Beeinflussbarkeit psychischer Phänomene, insbesondere hysterischer Symptome, durch Suggestion und. Kern der psychoanalytischen Theorie ist die Annahme eines unbewussten psychischen Bereichs, der aber starken Einfluss auf das bewusste Erleben habe.

Die zeitgenössische akademische Psychiatrie hat mit wenigen Ausnahmen, deren fraglos prominenteste der Zürcher Psychiater Eugen Bleuler war, die Psychoanalyse nicht akzeptiert, weder als Therapiemethode noch als Menschenbild. Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? drastisches Beispiel für die eher der Mehrheitsmeinung entsprechende bissig-polemische Ablehnung ist Emil Kraepelin, der in der Psychoanalyse lediglich eine sich in individueller Beliebigkeit verlierende und dem sexuellen Bereich ein weitaus zu starkes Gewicht zumessende psychologische Spekulation sah.

Diese krasse Ablehnung gerade durch neurobiologisch orientierte Autoren ist insoweit bemerkenswert, als sich Freud ja selbst durchaus — und zwar zeitlebens — als Naturwissenschaftler verstand, wenn auch in einem recht speziellen Sinn. Er hatte sich ursprünglich, wie die überwiegende Mehrheit der forschenden Psychiater der zweiten Hälfte des 19.

Jahrhunderts, von dem eminent zeittypischen Fernziel eines physiologischen oder biochemischen Verständnisses psychischer Phänomene leiten lassen. Freilich kam er dabei nachvollziehbarer Weise zu dem Schluss, dass mit den zu seiner Zeit verfügbaren Forschungsmethoden diese Fragen auf, wie wir heute sagen würden, neurowissenschaftlicher Grundlage noch nicht ausreichend beantwortbar seien und dass es, quasi als unvermeidliches Vorstadium, eines systematisch angelegten psychologischen Zugangs bedürfe, eben der Psychoanalyse.

Die Unübersichtlichkeit der Literatur zur wissenschaftstheoretischen Einordnung der Psychoanalyse gründet zum einen darin, dass Freuds naturwissenschaftlicher Impetus nicht Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

oder anerkannt wurde. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Betonung der individuellen Lebensgeschichte sowie der affektiven Seite des Psychischen. Eine nicht unbeträchtliche inhaltliche Nähe zwischen dem Denken Heinroths und Freuds wurde mehrfach hervorgehoben, und manche sahen in Heinroth und in dem spätromantischen Autor Carl Gustav Carus 1789—1869 direkte, wenn auch verkannte Vorläufer der Psychoanalyse.

Der psychoanalytische Krankheitsbegriff rückte den Gesichtspunkt individueller psychischer Entwicklung, die auf jeder Stufe gehemmt werden oder scheitern könne, in den Vordergrund.

Dies schloss aber die Bedeutung somatischer Bedingungsfaktoren keineswegs aus. Die Nachfolger Kraepelins auf dem Münchner Lehrstuhl, O. Kolle — beide keineswegs befangen in unkritisch-positiver Beurteilung von Kraepelins Psychiatrieverständnis — setzten dessen Tradition einer weitgehend kompromisslosen Psychoanalysekritik fort. Diese Arbeit ist gerade für die spätere, v. Grünbaum angestoßene Debatte um den wissenschaftstheoretischen Status der Psychoanalyse von Interesse.

Die der psychoanalytischen Perspektive in vielerlei Hinsicht entgegengesetzte Position vertrat der von J. Watson zu Beginn des 20. Hier steht das beobachtbare und insoweit auch messbare Verhalten und dessen Veränderung durch im Vordergrund und nicht der unbewusste, erst durch Interpretation subjektiv und intersubjektiv zugänglich Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

Konflikt. Weitere wichtige Autoren, die die behavioristische und — um den späteren, im deutschsprachigen Raum eingebürgerten Terminus zu verwenden — verhaltenstherapeutische Tradition begründeten, waren E. Hatten bei Kraepelin die philosophischen Vorannahmen psychiatrischen Handelns noch ein wenig beachtetes Dasein gefristet, besannen sich andere zeitgenössische Autoren ganz entschieden methodischer und wissenschaftstheoretischer Probleme der Psychiatrie.

Dafür wegbereitend war der Umstand, dass die psychiatrische Literatur um die Wende zum 20. Jahrhundert die von dem deutschen Philosophen W. Dilthey betonte, sich auf Arbeiten Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? Historikers Droysen stützende Unterscheidung von Erklären und Verstehen intensiv zu Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

begann. Ziel war es, die von ihm als, wie Janzarik es später nennen sollte, Grundlagenwissenschaft der Psychiatrie verstandene Psychopathologie auf eine solide und reflektierte methodische Grundlage zu stellen, insbesondere rein spekulativen und dogmatischen Ansätzen ihren Kredit zu entziehen. In seinem Buch beschrieb er zum einen die einzelnen psychopathologischen Phänomene mit großer klinischer Prägnanz, oft ergänzt durch Kasuistiken, zum anderen aber auch die Grundlagen der ungestörten Psyche.

Er beharrte darauf, dass die eindeutige Erfassung der Ganzheit des psychisch gesunden oder gestörten Menschen gerade in seiner biografisch gewordenen Einzigartigkeit, seiner Personalität, keiner wissenschaftlichen Methode abschließend möglich sein könne. Eine Methode müsse nicht nur ihre Möglichkeiten, sondern genauso sicher auch ihre Grenzen erkennen.

Überdehnungen hätten unweigerlich dogmatische Erstarrung zur Folge, was Jaspers anhand verschiedener Typen psychiatrischer Vorurteile meisterhaft exemplifizierte Hoff. Jaspers hielt daran fest, dass Psychisches nie unmittelbar als solches beobachtet werden kann, wie dies bei physikalischen Naturvorgängen zumindest in erster Näherung möglich ist, sondern nur über den Ausdruck des Erlebenden, über dessen Sprache, Mimik und Gestik, kurz in der intersubjektiven Begegnung, auch im künstlerischen Werk.

Von großer Bedeutung wurde seine, über Dilthey hinausgehende Abgrenzung des statischen und genetischen Verstehens vom naturwissenschaftlichen Erklären.

Jaspers hat den Text der Allgemeinen Psychopathologie mehrfach, zuletzt während des 2. Weltkriegs, umfassend überarbeitet und erweitert, wobei in den späteren Auflagen die Perspektive seiner eigenen existenz- philosophischen Position markanter zum Ausdruck kommt. Über seine kritisch-ablehnende Position gegenüber der Psychoanalyse und über deren kulturhistorische Einbettung informiert Bormuth.

Schizophrenie- Band des Bumkeschen Handbucheswird man noch am ehesten die Fortsetzung von Kraepelins Gedankengut sehen können. Diese rein funktionale Psychopathologie Anm. In der Tradition der Heidelberger Psychiatrie steht auch Kurt Schneider 1887—1967, Abb. Um eine Verwechslung Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

Carl Schneider, einer der zentralen Figuren in der Psychiatrie des Nationalsozialismus, zu vermeiden, sollte bei Kurt Schneider stets der Vorname mitgenannt werden. Bezüglich der Pathogenese vertrat K. Schneider die in der deutschsprachigen Psychiatrie seit langem fest verankerte Auffassung, dass es sich bei den endogenen Psychosen letztlich um organische Störungen des Zentralnervensystems handle.

Methodenkritik und Selbstbeschränkung waren auch die Leitideen von K. Schneiders Hauptwerk Klinische Psychopathologie, in der 15. Schneider entwarf auf dem Hintergrund seiner medizinischen und philosophischen Ausbildung eine vorwiegend deskriptive, jedoch das Psychische gerade nicht atomisierende, sondern den klinisch sinnvollen, verstehenden Gesamtzusammenhang wahrende Psychopathologie. Er sah in ihnen vorläufige psychopathologisch fundierte begriffliche Konstrukte, die sich einem ständigen, durch empirisches Wissen und konzeptuelle Weiterentwicklung gesteuerten Anpassungs- und Erneuerungsprozess zu stellen hätten.

Diese — einen markanten Gegensatz zu Kraepelins Streben nach Realdefinitionen bildende — nominaldefinitorische Auffassung psychiatrischer Diagnosen sowie die Forderung, für die Psychiatrie möglichst eindeutige und allgemein akzeptierte diagnostische Kriterien zu schaffen, lassen K. Auch wird er nach wie vor in so unterschiedlicher Bedeutung verwandt, dass eine knappe Definition nicht möglich ist. Die folgenden Zusammenhänge sind im psychiatriehistorischen Kontext von besonderer Bedeutung.

In der inneren Medizin gab es in der ersten Hälfte des 20. In den letzten Jahrzehnten begann sich das Selbstverständnis des psychosomatischen Feldes von diesen inhaltlichen Einengungen zu lösen. Zum anderen betonte sie in theoretischer Hinsicht die Grundhaltung, wonach es in jeder medizinischen Disziplin entscheidend auf die personorientierte Zusammenschau somatischer, psychopathologischer und sozialer Aspekte ankomme.

Dieser aktuelle Ansatz nimmt die zentralen Motive richtungsgebender Vertreter der frühen wieder auf. Nachdem am Ende des letzten Abschnitts bereits die Verbindung mit der aktuellen Situation und Forschung hergestellt wurde, ist jetzt ein zeitlicher Schritt zurück erforderlich, um den Hintergrund des dunkelsten Kapitels deutscher Psychiatriegeschichte, der nationalsozialistischen Pervertierung neuropsychiatrischer Theorie und Praxis, deutlich werden zu lassen.

Schon lange vor 1933 hatten sich bestimmte rassistische, sozialpolitische und ideologische Auseinandersetzungen sowie Polarisierungen angebahnt. Es gab, worauf bereits eingegangen wurde, seit Ende des 19. Jahrhunderts in allen europäischen Gesellschaften einen breiten Konsens darüber, dass ein Teil der Bevölkerung minderwertig, degeneriert und erblich belastet sei, als sozialer Ballast der übrigen Gesellschaft zur Last falle, keinen Nutzwert habe, sich oft aber stärker als die Eliten vermehre.

Dass sich dieses Denken in fataler Weise mit antisemitischem vermischte, mussten zahllose Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? Ärztinnen und Ärzte am eigenen Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

erfahren: So etwa musste der Genetiker und Psychiater F. Kallmann aus Berlin Deutschland verlassen 1936. Er gründete am Institute of Psychiatry in New York eine später sehr einflussreiche genetische Abteilung. Januar 1934 trat das bereits am 14. Juli 1933 verabschiedete Erbgesundheitsgesetz in Kraft, auf das noch einzugehen sein wird.

Von einer allgemein anerkannten psychiatrischen Systematik konnte trotz der gegenteiligen Thesen der Erbforscher und Rassenhygieniker nicht die Rede sein. Die Erbforschung stand auf schwachen Beinen, insbesondere die diagnostische Zuordnung der Krankheitsbilder.

Das Wissen um die vielfältigen Ursachen des angeborenen Schwachsinns war mangelhaft, er wurde damals fälschlicherweise meist mit dem erblichen Schwachsinn gleichgesetzt. Es gab aus dem psychiatrischen Bereich Widerstände gegen die von den Nationalsozialisten erlassenen Bestimmungen, u. Bumke, indem an den psychiatrischen Abteilungen tunlichst Diagnosen vermieden wurden, die unter die Sterilisationsgesetzgebung fielen, oder indem keine Meldung an die Ämter erfolgte.

Diese nicht nur aus der Sicht der ärztlichen Ethik ungeheuerlichen Vorgänge waren wesentlicher Anstoß für die unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg einsetzenden internationalen Bestrebungen, verbindliche Rahmenbedingungen für die medizinische Forschung mit gesunden oder kranken Menschen zu schaffen. Kritische Strömungen gegen derartige extreme Tendenzen waren in der Zeit der Weimarer Republik noch zahlreich.

Sie formten sich im Bereich der Ambulatorien, der Vorsorge und Fürsorge, der Sozialhygiene, der Beratungsstellen für Sexualkunde und Geschlechtskrankheiten und in Gruppierungen wie dem Verein sozialistischer Ärzte, der auch zahlreiche jüdische Kollegen wie K. Dieser oppositionelle Teil der Ärzteschaft hatte ab dem Jahr 1933 keine Möglichkeit der Einflussnahme mehr und wurde ausgeschaltet, verfolgt, vertrieben oder vernichtet Peters.

Sie wird Millionen von Unglücklichen unverdientes Leiden ersparen. Der vorübergehende eines Jahrhunderts kann und wird Jahrtausende von Leid erlösen. Nach Aktenlage — diese bestand oft nur aus den dürftigen Meldebögen — hatten 3 Gutachter über das weitere Schicksal des jeweiligen Kindes, also auch über seine evtl.

Zu melden waren ferner alle Personen, die sich seit mehr als 5 Jahren dauernd in Anstalten befanden. Die Nationalsozialisten konnten sich zur Begründung ihres Handelns unter anderem auf ein 1920 erschienenes Buch berufen, das von dem Strafrechtler Karl Binding und dem — in ganz anderem, nämlich theoretisch-nosologischen Zusammenhang bereits erwähnten — Psychiater Alfred Erich Hoche verfasst worden war und den Titel Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens trug.

Eine solche Un-Person, so der entscheidende und fatale Schritt in der Argumentation, könne zwar biologisch getötet werden, doch sei dies keineswegs mit dem strafrechtlichen Tatbestand des Totschlags oder gar des Mordes in Verbindung zu bringen. Es hat zu dieser Schrift innerhalb der psychiatrischen Fachwelt der Weimarer Zeit bemerkenswerter- besser: bestürzenderweise keine umfassende Debatte gegeben Meyer. Später hingegen wurde die kontroverse Diskussion um Leben und Werk Hoches von dieser Thematik geradezu dominiert Schimmelpenning ; Seidler.

Widerstände gegen die Tötungsaktionen gab es sowohl von Psychiatern, etwa von Walther von Baeyer, Karl Kleist und Kurt Schneider, als auch aus den Reihen der betroffenen Familien, der übrigen Bevölkerung und der Kirchen; hier ist v. Kardinal Graf Galen aus Münster zu nennen. Weltkrieg wurden die Euthanasie-Obergutachter in den Nürnberger Prozessen vor Gericht gestellt, sofern sie sich nicht durch Selbstmord de Crinis 1945; Carl Schneider 1946 oder durch Flucht in die anonyme Illegalität Heyde der gerichtlichen Beurteilung ihres Handelns entzogen hatten.

So konnte Werner Heyde nach Kriegsende einige Jahre unter dem Pseudonym Fritz Sawade ärztlich und gutachterlich tätig sein. Nach seiner Entdeckung und Inhaftierung beging auch er 1964. Erfreulicherweise ist zu diesem dunkelsten Abschnitt deutscher Psychiatriegeschichte in den letzten Jahrzehnten viel Forschungsarbeit geleistet worden, wobei der eigentliche Beginn systematischer und methodisch einwandfreier Forschung allerdings erst gut 20 Jahre nach Kriegsende anzusiedeln ist.

Die sorgfältige Analyse der ideengeschichtlichen Entwicklung von der Mitte des 19. Es gilt, in viel größerem Umfang als bisher die Krankenblattarchive der psychiatrischen Kliniken und die Archive anderer Institutionen auf Daten hin zu untersuchen, die ein umfassenderes und präziseres Bild von den historischen Tatsachen und den sie ermöglichenden theoretischen Konzepten entstehen lassen werden.

Die Pervertierung psychiatrischer Theorie und Praxis durch die Nationalsozialisten stellte für die Psychiatrie im Nachkriegsdeutschland eine schwerwiegende Hypothek dar. Dieser Prozess lief allerdings, wie erwähnt, mehr als schleppend an. In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass ganze Forschungsrichtungen, insbesondere die psychiatrische Genetik, auf Jahrzehnte hinaus in prinzipiellen Misskredit geraten waren und wissenschaftlich im deutschsprachigen Raum in dieser Zeit praktisch nicht existierten.

Auch dies hat sich später geändert, wobei natürlich das Bewusstsein um die historischen Hintergründe in der aktuellen Forschung stets präsent bleiben sollte. Die von Ludwig Binswanger begründete Daseinsanalyse arbeitete den existenzphilosophisch und nicht nur psychologisch-hermeneutisch verstandenen Aspekt des Individuellen an Genese, Ausgestaltung und Therapie heraus. Hier findet sich bei strikter Ablehnung elementaristischer Psychologie eine Hinwendung zur Ganzheit psychischer Akte und zu deren Struktur.

In der Psychologie gab es schon eine längere, sich als empirischen Ansatz verstehende Tradition, die sich ebenfalls entschieden gegen ein elementaristisches Verständnis psychischer Phänomene wandte.

Unter dem Schlagwort, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile, ging es hier um eine Perspektive, die einerseits die personale Ganzheit betonte, andererseits aber diese Ganzheit sehr wohl binnendifferenzierte, nun aber gerade nicht in Elemente, sondern in komplexe und an den Rändern nicht scharf voneinander trennbaren Strukturen. Conrad hatte mit seiner explizit der Gestaltpsychologie entlehnten Methodik eine neue psychopathologische und verlaufsorientierte Sichtweise der schizophrenen Psychose entwickelt, die dem Fach bis heute zahlreiche Impulse gegeben hat.

Deutung andererseits zu wenig überprüfbar und zu spekulativ zu positionieren Conrad. Dieses argumentative Fundament findet sich teilweise in der aktuellen phänomenologischen Psychopathologie wieder Parnas. Ebenfalls gestalt- und strukturpsychologisch fundiert ist das über Jahrzehnte weiterentwickelte Werk des Heidelberger Psychopathologen Werner Janzarik: Für ihn gestalten sich normale und pathologisch verformte psychische Vorgänge auf zwei Ebenen, der strukturellen und der dynamischen. In fruchtbarer Weise wurde dieser theoretische Rahmen auf so verschiedene psychopathologische Gebiete wie die psychotischen Syndrome schizophrener und affektiver Prägungdie und, diagnosenunabhängig, die Beurteilung der Schuldfähigkeit im strafrechtlichen Gutachten angewandt.

Vergleichbare Debatten trifft man in anderen medizinischen Disziplinen weit seltener an. Seine harte Psychiatriekritik ziele eben nicht auf das Fach selbst, sondern auf dessen unkritische Medikalisierung und auf die Anwendung psychiatrischer Zwangsmaßnahmen. Keineswegs darf die Antipsychiatrie heute als bloße Provokation oder gar als skurrile Minderheitenmeinung abgetan werden: Nur zu berechtigt waren viele ihrer Kritikpunkte mit Blick auf die damalige psychiatrische Versorgungssituation v.

Auch aus heutiger Perspektive haben die von der Antipsychiatrie aufgeworfenen Fragen sehr wohl ihre Bedeutung, auch wenn man die radikalen Antworten etwa von Thomas Szasz 1920 — 2012 nicht mitträgt.

Der neurobiologische Forschungsansatz erlebte seit den späten 1950er-Jahren einen starken und bis heute andauernden Aufschwung, der zunächst durch die Entdeckung der psychotropen Wirkung zahlreicher Substanzen generiert wurde.

Zum einen ging es um die wissenschaftliche Erfassung der therapeutischen Wirksamkeit von neuroleptischen, antidepressiven, anxiolytischen und phasenprophylaktischen Substanzen. Zum anderen entstanden aus den Kenntnissen über die vermuteten oder gesicherten pharmakologischen Mechanismen auch Hypothesen zur Ätiologie, v.

Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

Neben der Evaluation der Psychopharmakawirkungen nahm der Einfluss der Neurobiologie durch die Entwicklung neuer diagnostischer Techniken weiter zu: Beispielhaft zu nennen sind die bildgebenden Verfahren, die neurophysiologischen, neurochemischen und molekulargenetischen Forschungsansätze. Auch psychiatriehistorisch interessant ist dabei die wiederholt erhobene Forderung, sich bei der Planung von Studien nicht mehr von der herkömmlichen, in der Regel die Kraepelinsche Dichotomie endogener Psychosen widerspiegelnden Nosologie leiten zu lassen, sondern syndrom- symptom- oder an psychischen Funktionen orientiert zu forschen.

Dieser Ansatz verband sich mit einer zunehmend kritischen Einschätzung von Kraepelins Dichotomie aus neurowissenschaftlicher Warte Möller. Neben den klassischen, den historischen Wurzeln stark ähnelnden Psychotherapieverfahren — also in erster Linie der an Freud orientierten Psychoanalyse und der sich auf Grundsätze des Behaviorismus berufenden — sind vermehrt therapeutische wie Forschungsbemühungen erkennbar, zu integrativen Modellen zu gelangen.

Diese nehmen je nach Art und Schweregrad der vorliegenden Störung Aspekte unterschiedlicher therapeutischer Richtungen auf, etwa im Sinne einer sowohl medikamentösen als auch verhaltensmodifizierenden und das soziale Umfeld einbeziehenden Behandlung von. Für diese Krankheitsgruppe konnte die Überlegenheit eines solchen kombinierten Vorgehens schlüssig gezeigt werden. Ein weiteres wichtiges Feld psychiatrischer Forschung der letzten Jahrzehnte stellt die dar, die sich mit der komplexen Interaktion zwischen dem unmittelbaren, also familiären und beruflichen, und dem weiteren, also gesellschaftlichen Umfeld der psychisch erkrankten Person beschäftigt.

Dies bezieht sich auf die Genese, die symptomatische Ausgestaltung, das therapeutische Ansprechen und v. Psychopathologie und psychiatrische Diagnostik haben in den letzten Jahren eine starke Tendenz zur Kodifizierung und Operationalisierung erfahren, obwohl komplexere Entwürfe, etwa der bereits erwähnte strukturdynamische Ansatz Janzariks oder jüngere Weiterentwicklungen der phänomenologischen Psychopathologie Parnas et al.

Die daraus resultierende Unzufriedenheit verband sich mit der praktischen Notwendigkeit, für die therapeutische Evaluation neuentwickelter auf Messinstrumente zurückzugreifen, die statistischen Normen wie und Reliabilität genügten. Ambiguitäten und Widersprüche sollen aufgedeckt werden, Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

durch klare Definitionen von Symptomen, durch Kriterienkataloge und Verknüpfungsregeln, kurz durch operationalisierte Entscheidungsprozesse Algorithmeneine reliable Diagnostik zu schaffen. Eindeutige Vorteile einer solchen Operationalisierung sind die erhöhte Reliabilität, die deskriptive Anwendbarkeit vor dem Hintergrund unterschiedlicher ätiopathogenetischer Hypothesen, die einfache rechnergestützte Auswertbarkeit und nicht zuletzt die Funktion als überschaubares terminologisches Gerüst für die Aus- und Weiterbildung.

Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?

So aber würde Psychopathologie über Gebühr eingeengt und vereinfacht Hoff ; Saß ; Schwartz und Wiggins. Die nicht selten artikulierten Befürchtungen, wissenschaftstheoretische Themen könnten in der Psychiatrie unter dem Eindruck der rasant anwachsenden empirischen Daten der Neurowissenschaften immer mehr an den Rand gedrängt werden, scheinen sich erfreulicherweise nicht zu bewahrheiten.

Im Gegenteil lässt sich in den letzten Jahren eine verstärkte Bereitschaft erkennen, den theoretischen Rahmen des klinischen wie wissenschaftlichen Faches Psychiatrie auf dem Hintergrund jüngerer Forschungsergebnisse immer wieder neu zu überdenken. Mittlerweile besteht weitgehend Konsens, dass eindimensionale Erklärungsmodelle für unangemessen sind, ja sein müssen.

Aber auch Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? Tragfähigkeit des biopsychosozialen Modells, gleichsam der größte gemeinsame Nenner unterschiedlicher psychiatrischer Richtungen, wird kritisch Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose?.

Die entscheidende Frage dabei ist, wie zu verhindern sei, dass dieses auf den ersten Blick überzeugende Modell zu einem bloß oberflächlichen, in der Forschung nicht wirklich ernst genommenen Kompromiss wird, der keine kreativen Impulse zu generieren vermag und im schlimmsten Fall — entgegen der eigenen Grundintention — dogmatische Einzelpositionen sogar wieder erstarken lässt Ghaemi.

Die analytische Philosophie des Geistes wiederum war um einiges früher im 20. Jahrhundert aus der Unzufriedenheit mit den klassischen dualistischen Theorien zum Leib-Seele-Problem entstanden und forderte, vor einer Feststellung von Tatsachen oder Wahrheiten zunächst die Sprache zu untersuchen, in der diese Feststellungen getroffen werden. Pointiert ausgedrückt: Zuerst kommt die Fokussierung auf die Aussagen über ein Phänomen und erst dann das Phänomen selbst.

Nun sind dies alles andere als praxisferne philosophische Überlegungen. Vielmehr sind sie — neben den klassischen philosophischen Positionen — wesentliche Bausteine für ein zeitgemäßes Selbstverständnis der Psychiatrie zwischen Neurowissenschaft, Sozialwissenschaft und Subjektivität Fuchs ; Honnefelder und Schmidt ; Northoff et al. Noch konkreter und kontroverser wird es, wenn so grundlegende Konzepte wie die Entscheidungsfreiheit, personale Autonomie und Verantwortung des Menschen auf dem Hintergrund aktueller Hirnforschung neurophilosophisch hinterfragt, mitunter auch negiert werden.

Angestoßen, wenn auch sicherlich nicht erfunden von der antipsychiatrischen Kritik der 1960er- und 1970er-Jahre, werden die jeweiligen Patienten- und Behandlerrollen in der Psychiatrie zunehmend zum Gegenstand differenzierter also nicht nur platt-polemischer Diskussionen.

Analog anderen medizinischen Disziplinen gewinnt auch in der Psychiatrie der Gedanke des Empowerment kontinuierlich an Bedeutung, also der Aufwertung der Patientenrolle allgemein, speziell der Patientenverantwortung durch aktives Einbeziehen der Betroffenen in die Therapieplanung und -durchführung.

Dies beinhaltet eine kritische Bestandsaufnahme des Verhältnisses von Psychiatrie und Zwang ebenso wie den Abschied vom oft unreflektierten ärztlichen Paternalismus früherer Zeiten. Vielmehr muss die spezielle Situation der psychisch kranken Person berücksichtigt werden, deren kognitive, affektive und Bewertungskompetenzen oft ja gerade durch die Erkrankung selbst eingeschränkt, wenn auch nur selten völlig aufgehoben sind.

Ethische Maximen müssen hier einen hohen und psychiatriespezifischen Differenzierungsgrad erreichen. Dies leitet über zu der Frage, welcher Stellenwert der Psychopathologie in der Weiterentwicklung der Psychiatrie zukommen wird. Neben vielen eher pessimistischen Einschätzungen, die die wissenschaftliche Bedeutung der Psychopathologie mehr oder weniger grundsätzlich in Frage stellen, wird heute auch wieder auf die Option eines erweiterten Verständnisses von Psychopathologie verwiesen.

Dieses könnte im besten Fall ihrem früheren Anspruch, Grundlagenwissenschaft der Psychiatrie zu sein, Gehör verschaffen. Ein kritisches Methodenbewusstsein hätte integraler Bestandteil zu sein. Schließlich muss die Psychopathologie konsequent — also nicht nur im Nebenschluss — in der psychiatrischen Ideengeschichte verankert sein und die grundsätzlichen Fragen unseres Faches bewusst offen halten, solange dies in Anbetracht des aktuellen Wissensstandes nötig erscheint.

Ein solches Offenhalten ist gerade nicht Ausdruck unentschlossenen Zögerns, sondern des Respekts vor einer noch nicht definitiv entscheidbaren zentralen Frage. Denn die Psychiatrie muss sich — auch und gerade in der aktuellen Situation — nicht nur ihrer besonderen gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein, sondern auch das Spannungsfeld der neurowissenschaftlichen, psychopathologischen, sozialwissenschaftlichen und neurophilosophischen Perspektiven nicht nur akzeptieren, sondern aktiv und gezielt mitgestalten.

In diesem für die Zukunft des Faches Psychiatrie entscheidenden Prozess könnte die Psychopathologie wieder die Funktion einer kritischen Richtschnur übernehmen. Dies allerdings ist ein hoher Anspruch, den es erst noch einzulösen gilt Andreasen ; Jäger ; Scharfetter ; Stanghellini und Broome.

Als letztes Beispiel sei das wissenschaftliche Gebiet der Psychiatriegeschichte selbst erwähnt. Der hier zu beobachtende Prozess zunehmender Professionalisierung äußert sich nicht nur in konkreten Forschungsprojekten innerhalb der engen Grenzen einzelner psychiatrischer Institutionen, sondern auch in nachhaltigen Bemühungen um internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit Engstrom ; Hoff et al.

Das Selbstverständnis der Psychiatrie bleibt theoretisch wie praktisch, in Forschung und Klinik, ebenso heterogen wie die zahlreichen konkurrierenden psychiatrischen Forschungs- und Behandlungskonzepte.

Ein stabiles Selbstbewusstsein kann der heutigen Psychiatrie allerdings kaum attestiert werden. Ob man nun bloß von postmoderner Theorienvielfalt — manche sagen, weniger freundlich: postmoderner Beliebigkeit — sprechen will oder eine eigentliche Identitätskrise des Faches diagnostiziert, bleibt letztlich irrelevant. Entscheidend ist, dass die grundsätzlichen Fragen, was denn Psychiatrie, was und Krankheit, was Diagnose und Therapie seien, ganz unabhängig vom jeweiligen wissenschaftstheoretischen Standpunkt einzelner Personen nicht ignoriert und nur unter Einbeziehung und Nutzbarmachung des bestehenden und in Zukunft zu erarbeitenden Wissens über die Ideengeschichte des Faches beantwortet werden können.

Eine wissenschaftlich begründete Psychiatriegeschichte, wie sie hier in den Grundzügen dargestellt worden ist, vermag den Nachweis zu führen, wie sehr jede psychiatrische Konzeption — sei ihr Selbstverständnis realwissenschaftlich-naturalistisch, deskriptiv, hermeneutisch, anthropologisch oder sozialwissenschaftlich — notwendig mit bestimmten theoretischen Vorannahmen, v.

Genau dies — die ideengeschichtliche Perspektive in pragmatischer Absicht — macht den eigentlichen Wert psychiatriehistorischen Arbeitens für die heutige Psychiatrie aus.

Durch die überzeugende wissenschaftliche Durchdringung ihrer beiden Schwerpunkte Institutionsgeschichte und Ideengeschichte wird die psychiatriehistorische Forschung auch in Zukunft als das aktuelle und praxisrelevante Arbeitsgebiet wahrgenommen werden können, das sie aufgrund ihres Forschungsgegenstandes ist.

Hoff P 2006 Über die Ideologieanfälligkeit psychiatrischer Theorien, oder warum es zwischen Emil Kraepelin und der Psychoanalyse keinen Dialog gab. In: Böker H Hrsg Psychoanalyse und Psychiatrie. In: Sollberger D, Kapfhammer H P, Boehlke E, Hoff P, Stompe Th Hrsg Bilder der Schizophrenie. Clinical Was ist der Unterschied zwischen Neurose und Psychose? and diagnostic guidelines.

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